Erfahrungsbericht einer Betroffenen

Mein Name ist Marliese Witt, ich bin 47 Jahre alt, verheiratet, habe einen 17-jährigen Sohn (Heiko) und habe bei der FIugtagkatastrophe in Ramstein meinen damals 16-jährigen Sohn Mario verloren.

Mario war am 28.8.1988 zusammen mit seinem Patenonkel zum Flugtag gefahren, weil er von Flugzeugen und Kunstflug fasziniert war und selbst Pilot werden wollte. Gerade die "- Frecce Tricolori " wollte er unbedingt photographieren. Deshalb hatten sich beide nur kurz nach Ende der Veranstaltung am Auto verabredet, damit sie in der riesigen Menschenmenge möglichst bald den Nachhauseweg antreten könnten.

Mario kam nie bis zum Auto!

Mein Schwager suchte nach ihm und wartete Stunden auf ihn. Er kam dann gegen 21 Uhr abends völlig aufgelöst allein nach Hause, um uns mitzuteilen, dass er Mario als vermisst gemeldet hatte. Es folgten Nächte und im Kreise unserer Verwandten, Tage tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit im Wechsel mit Hoffnungsschimmern. Tag und Nacht hielten wir Kontakt zu der Vermisstenstelle, sowie Kliniken im In- und Ausland, welche Verletzte aufgenommen hatten. Dienstags teilte das BKA meinem Mann auf Anfrage mit, Mario sei nicht unter den Toten. Wir hofften dann, dass Mario eventuell einer der bis dahin in entsprechenden Kliniken noch nicht identifizierten Schwerstverletzten sei. Donnerstags besorgte mein Mann auf Anfrage des BKA das Zahnschema von ihm und brachte es nach Ramstein. Daraufhin hieß es erneut, er sei nicht unter den Toten. Freitags, also am 6. Tag nach der Katastrophe, wurden wir dann vom BKA nach Ramstein bestellt zwecks Identifizierung. Nach Aussage des Kriminalbeamten handelte es sich bei einer der gefundenen Leichen wahrscheinlich um Mario. Mein Mann wurde in eine Halle geführt, wo alle Gegenstände aufbewahrt wurden, die von Toten und Überlebenden gefunden worden waren. Dort sollte er sich genau anschauen, ob etwas aus Marios Besitz dabei war - aber er konnte nichts erkennen.

Dann zeigte ein Kriminalbeamter ihm einen Schlüsselbund - der gehörte ihm und war in seiner Hosentasche gefunden worden. Dieser Schlüsselbund war praktisch der letzte Mosaikstein zur Identifizierung Marios. Wir durften ihn nicht mehr sehen und konnten uns infolgedessen auch nicht mehr von ihm verabschieden. Er hatte sich am Morgen des 28.8. gesund und strahlend von uns verabschiedet - und nun konnten wir seinen Tod einfach nicht glauben, denn wir wussten nichts über die näheren Umstände seines Todes. Lediglich die Sterbeurkunde lautete auf seinen Namen. Wir hatten ein Jahr lang die Vision, dass er versehentlich als verletzter amerikanischer Armee - Angehöriger in die USA ausgeflogen worden wäre. Dann erfuhren wir am 1. Jahrestag bei unserem ersten Treffen mit der Ramstein Nachsorgegruppe von dem damals zuständigen Kriminalbeamten die näheren Umstände und die Todesursache von Mario.

Demnach ist er nicht verbrannt, sondern von herumfliegenden Flugzeugteilen so schwer verletzt worden, dass von 7 verschiedenen Verletzungen jede einzelne zum Tode geführt hätte. Er war einer der 30 Toten, die sofort auf dem Flugplatz starben. Nun ließ uns das dort Erfahrene glauben, dass Mario in dem Sarg war, den wir beerdigt hatten. Dr. Jatzko riet uns damals davon ab, uns die von ihm vorhandenen Bilder des BKA anzuschauen. Ich denke heute, dass das gut so war zum damaligen Zeitpunkt. Trotzdem ist das bis heute für mich noch etwas, was ich 'in absehbarer Zeit in Angriff nehmen will. Ich bete zu Gott, dass er mir die Kraft dazu gibt.

Bis zu dem Zeitpunkt, als wir von Herrn Dr. Jatzko eine Einladung zu einem Treffen der Ramstein - Nachsorgegruppe zum 1. Jahrestag bekamen, hatte ich zu diesem schweren Schicksalsschlag die Einstellung, dass jeder einzelne Betroffene damit selbst fertig werden müsse. Heute, nach 9 Jahren Selbsthilfe- Gruppenarbeit, weiß ich, dass ich das nie alleine geschafft hätte, denn erst in dieser Schicksalsgemeinschaft habe ich gelernt, mich zu öffnen und das traumatische Erlebnis aufzuarbeiten im Sinne gegenseitiger Hilfe. Solch eine Schicksalsgemeinschaft ist ein Ort der Mitmenschlichkeit, in der Vertrauen, Hoffnung und Lebensfreude wachsen kann. Die zurückliegenden 9 Jahre bedeuten für mich eine Bereicherung, - eine Reifezeit, in der eine Bewusstseinserweiterung und ein inneres Wachstum stattfand. Ich habe miterlebt, welche Kräfte wachsen können, wenn wir als Menschen gemeinsam durch das Leiden hindurchgehen und uns auf den Trauerprozess einlassen. Auch ich persönlich habe Lebensmöglichkeiten entwickelt, die ich früher nicht für möglich gehalten hätte.

Vor allein den drei ehrenamtlichen Nachsorgegruppeleitern , - dem Arzt Dr. Jatzko, der Psychotherapeutin Sybille Jatzko und dem Psychologen Heiner Seidlitz - bin ich aus tiefstem Herzen dankbar für die herzliche, menschliche, liebevolle Zuwendung und Begleitung während der vergangenen 9 Jahre. Die einfühlende, unendlich geduldige Trauerarbeit hat vielen von uns ein "Überleben" und mehr noch, - einen neuen, tieferen Lebenssinn möglich gemacht.

Heute empfinde ich Eigenliebe, Liebe zu meinen Mitmenschen, Zuversicht, Glaube und Frieden. Anderen Menschen kann ich heute in Notsituationen helfen und auch Betroffenen anderer aktueller Katastrophen Beistand leisten und eigene Erfahrungen weitergeben.

Dafür danke ich Gott!

Selbst nach 10 Jahren kommen immer wieder andere Betroffene neu in unsere Gruppe. Es ist für mich erschütternd zu sehen, in welch schlechter seelischer Verfassung sich manche von ihnen auch heute noch befinden. Ich bin aber überzeugt, dass es gelingen kann, im Schutz der Selbsthilfegruppe das traumatische Erlebnis aufzuarbeiten und wieder Lebensfreude zu empfinden.

Deshalb möchte ich allen betroffenen Opfern und Hinterbliebenen, die bisher noch nicht mit uns in Kontakt treten konnten, Mut machen, dies nun zu tun! Gerne können sie sich auch persönlich mit mir in Verbindung setzen.

Meine Anschrift lautet:
Marliese Witt
Buchwaldstr.3
54314 Greimerath
Tel. : 06587 / 550
witt0407.jpg (6472 Byte)

Picture

powered 1999 by www.ppis.de