Sehr verehrte Gäste, liebe Angehörige und Freunde,

ich begrüße Sie und Euch ganz herzlich zu dieser Gedenkfeier. Den Leitern und Mitgliedern der Nachsorge - Gruppe der Opfer und Hinterbliebenen der Flugtagskatastrophe danke ich für das mir entgegengebrachte Vertrauen.

Mein Name ist Marliese Witt. Ich bin verheiratet, habe einen 16-jährigen Sohn und habe hier in Ramstein meinen damals 16-jährigen Sohn Mario verloren.

Heute zum10. Jahrestag der Flugtagskatastrophe hier in Ramstein wollen wir der Toten und Leidtragenden in besonderer Weise gedenken.

Für uns Betroffene hat dieser Ort eine außerordentliche Bedeutung es ist ein Ort des Gedenkens, Erinnerns und Mahnens. Laßt es uns auch ein Ort des Begegnens sein.

Mein Mann und ich hatten schon mehrfach die Gelegenheit, hier Ramsteiner Bürgern zu begegnen.

Für mich war es eine besondere Freude, vor ein paar Monaten von Herrn Pfarrer Heck zu hören, daß vor kurzem auch eine Schulklasse aus Ramstein unsere Gedenkstätte besucht hat. Ich sehe das als eine Art Anschauungsunterricht in Vergangenheitsbewältigung an.

Allen, die in irgendeiner Weise dazu beigetragen haben, daß wir hier vor drei Jahren eine würdige Gedenkstätte errichten konnten möchten wir unsere Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Den drei ehrenamtlichen Nachsorge - Gruppenleitern : Dem Arzt Dr. Hartmut Jatzko, der Psychotherapeutin Sybille Jatzko und dem Psychologen Heiner Seidlitz von der Telefonseelsorge Kaisersiautern sind wir aus tiefstem Herzen dankbar:

Für die herzliche, liebevolle, menschliche Zuwendung und Begleitung während der vergangenen 9 Jahre.

Vor allem die einfühlende, unendlich geduldige Trauerarbeit hat vielen von uns ein "Überleben" und mehr noch - einen neuen, tieferen Lebenssinn möglich gemacht.

Ich habe miterlebt, welche Kräfte wachsen können, wenn wir als Menschen gemeinsam durch das Leiden hindurchgehen und uns auf den Trauerprozeß einlassen.

Auch ich persönlich habe Lebensmöglichkeiten entwickelt,  die ich vorher nie für möglich gehalten hätte.

Die schreckliche ICE - Katastrophe in Eschede hat bei vielen von uns die eigenen leidvollen und traumatischen Erlebnisse wieder aufleben lassen: den Verlust unserer Angehörigen, die z. T. schwersten körperlichen und seelischen Verletzungen, die in der Folge dessen bedingten familiären Schwierigkeiten bis hin zum Verlust der beruflichen Existenz und anderes mehr.

Wir haben inzwischen zwar gelernt, mit den Folgen der Katastrophe zu leben - aber die Wunden bleiben lebenslang!

Gerade solche aktuelle Schreckensbilder wecken in mir den Wunsch, diesen Menschen in ihrer Not beizustehen. Deshalb freue ich mich besonders , daß den Betroffenen des Zugunglücks sofort die notwendige psychotherapeutische Hilfe zuteil wird. Eine Katastrophen - Nachsorge, wie in unserem Fall, wünsche ich auch diesen Menschen von ganzem Herzen. Aus meinen Erfahrungen möchte ich allen Mut machen mit ein bißchen Zivilcourage, Menschen, die durch ein Schicksal plötzlich betroffen werden, beizustehen.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

Marliese Witt, Ramstein 28.08.1998

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